Cogito ergo… Zufall? Descartes’ Philosophie als Nebenprodukt

Jul 06, 2026 · By Fabio Guerreiro · Fork · Check another quote

Original text

„Andreas Kemmerling 1Einleitung Das Philosophieren war für Descartes, so ist zu vermuten, keine der tiefsten intellektuellen Faszinationen seines Lebens. Seine Erkenntnisleidenschaften betrafen Probleme der Mathematik, zahllose Einzelfragen aus den verschiedensten Bereichen der Naturwissenschaften und insbesondere Fragen einer einheitlichen wissenschaftlichen Methode. Philosophie, jedenfalls in dem vergleichsweise engen Sinn unserer Tage, hat er, auf’s Ganze seines Lebens gesehen, eher nebenher betrieben. Aus seiner Korrespondenz geht dies deutlich genug hervor. Anders als heutigen Naturwissenschaftlern war ihm das Philosophieren jedoch nicht bloß ein Hobby für unausgefüllte Wochenenden oder Strandurlaube. Derlei kannte er wohl gar nicht. Vielleicht in seinen jungen Jahren, von denen uns zu wenig überliefert ist. Mit 20 war er ein frischexaminierter Jungjurist, mit Anspruch auf eine gediegene ‚Lebenszeitstelle‘ in Poitiers, die er mit 25 hätte einnehmen können. Sein Vater hatte dies, oder etwas dieser Art, von ihm erwartet. Ein halbes Jahr nach seinem „Examen, am 31. März 1617, war er volljährig. (Was dies für Descartes – einen Menschen mit unbändigem Drang nach Unabhängigkeit in allem – bedeutet haben mag, sollte ein seit Jahrzehnten beamteter Philosophieprofessor unserer Tage nicht auszumalen versuchen.) Er war nun ein freier junger Mann aus besser gestellten Verhältnissen, jedenfalls ohne finanzielle Sorgen. Vermutlich zur Belohnung für die durchstandene Öde eines Jurastudiums hatte er sich Mitte des Jahres 1618 einen ausführlichen Europabummel vorgenommen – was angesichts des beginnenden großen Krieges einige Umsicht erforderte. Sich vom Duft der großen weiten Welt ein wenig umwehen lassen, bevor er in Frankreich in eine dröge Amtsadligenkarriere absinken würde, war vielleicht das, wonach ihm damals vornehmlich der Sinn stand. Er hatte einiges zu seiner Verfügung, das ihm allerlei Vergnügen verheißen mochte; unter anderm wird berichtet, er sei damals dem Glücksspiel zugetan und ein trefflicher Fechter gewesen, der in einem Duell in Paris seinen Gegner bis zur Wehrlosigkeit niederfocht (ihn aber verschonte, der schönen Augen der Dame wegen, die den Anlaß zum Kampf gegeben hatte) und der einmal sogar eine Übermacht von Piraten mit dem Degen zu vertreiben vermochte. Das Fechten war offenbar eine seiner länger anhaltenden Passionen; er verfaßte eine Abhandlung über die Fechtkunst und trainierte noch als reifer Mann in Holland mit seinem Fechtlehrer. Doch was ist Vergnügen – für einen gutgestellten jungen Mann des frühen 17. Jahrhunderts, zumal einen, der eher neugierig und abenteuerlustig als blasiert und vergnügungssüchtig ist? Schon in Holland, dem ersten Zwischenhalt seiner Reise, traf (so stelle ich mir ihn gerne vor:) unser etwas feinerer, nach außen hin selbstbewußter, innerlich nach etwas für sein ganzes Leben Erstrebenswertem lechzender, junger Edelmann aus Frankreich auf den holländischen Gelehrten Isaac Beeckman. Der war acht Jahre älter, wußte aber schon sehr wohl, was ihn sein Leben lang faszinieren und mit tiefem Vergnügen erfüllen würde: jedes ernstzunehmende Problem der erblühenden Wissenschaften. Durch ihn gewann Descartes in wenigen intensiven Monaten einen stimulierenden Eindruck davon, welch enorme Vielfalt an Problemen die international namhaften Wissenschaftler dieser Tage umtrieb. Freundschaftlich geschah das wohl zwischen den beiden. Die enthusiasmierende Intensität dieser Begegnung war für Descartes lebenserschütternd. Kurz nach seiner Weiterreise, am 23. April 1619, schrieb er Beeckmann, wahrlich dieser allein habe ihn aus seinem Müßiggang aufgerüttelt (AT X 162). Damals dürfte ihm aufgegangen sein, daß wissenschaftliche Arbeit für ihn die Erfüllung des Lebens sein könnte – und in welch außergewöhnlichem Maße er für sie begabt ist. Kaum ein halbes Jahr später stand für den dann 23-jährigen fest, was er mit seinem Leben werde anfangen wollen. In einer Novembernacht des Jahres 1619 hatte er drei Träume, die er offenbar als einen Sendungsauftrag deutete: ihm sei es aufgegeben, Großes für die Wissenschaft als ganze zu leisten. Zwar beschäftigte er sich weiterhin, als theoretischer und als empirischer Forscher, mit Detailproblemen der Geometrie, Optik, Meteorologie, auch der Musikpsychologie, Mechanik, Anatomie, Chemie, Physiologie, ja mit der Konzeption von Geräten zum Schleifen asphärischer Linsen, um Fernrohre bisher nie erreichter Qualität herstellen zu können – und diese Liste ist wahrlich nicht vollständig. Aber von nun an arbeitete er auch an Monumental-Projekten, die wir als aberwitzig hochfahrend belächeln müßten, wenn wir nicht Schriften und Briefe hätten, aus denen hervorgeht, mit Natur (im besonderen auch des Lichts), der Tiere (sowie des menschlichen Körpers) und schließlich eine dazu passende Konzeption der Verstandesseele zu entwickeln.

Quote text

Philosophie, jedenfalls in dem vergleichsweise engen Sinn unserer Tage, hat er [René Descartes], auf’s Ganze seines Lebens gesehen, eher nebenher betrieben. Aus seiner Korrespondenz geht dies deutlich genug hervor.
Ellipsis used (if any): ‘[...]’

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„AndreasKemmerling↵
1Einleitung↵
DasPhilosophierenwarfürDescartes,soistzuvermuten,keinedertiefstenintellektuellenFaszinationenseinesLebens.SeineErkenntnisleidenschaftenbetrafenProblemederMathematik,zahlloseEinzelfragenausdenverschiedenstenBereichenderNaturwissenschaftenundinsbesondereFrageneinereinheitlichenwissenschaftlichenMethode.Philosophie,jedenfallsindemvergleichsweiseengenSinnunsererTage,hater[RenéDescartes],auf’sGanzeseinesLebensgesehen,ehernebenherbetrieben.AusseinerKorrespondenzgehtdiesdeutlichgenughervor.↵
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„AndreasKemmerling↵1Einleitung↵DasPhilosophierenwarfürDescartes,soistzuvermuten,keinedertiefstenintellektuellenFaszinationenseinesLebens.SeineErkenntnisleidenschaftenbetrafenProblemederMathematik,zahlloseEinzelfragenausdenverschiedenstenBereichenderNaturwissenschaftenundinsbesondereFrageneinereinheitlichenwissenschaftlichenMethode.
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Philosophie,jedenfallsindemvergleichsweiseengenSinnunsererTage,hater
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[RenéDescartes]
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,auf’sGanzeseinesLebensgesehen,ehernebenherbetrieben.AusseinerKorrespondenzgehtdiesdeutlichgenughervor.
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↵AndersalsheutigenNaturwissenschaftlernwarihmdasPhilosophierenjedochnichtbloßeinHobbyfürunausgefüllteWochenendenoderStrandurlaube.Derleikannteerwohlgarnicht.VielleichtinseinenjungenJahren,vondenenunszuwenigüberliefertist.Mit20warereinfrischexaminierterJungjurist,mitAnspruchaufeinegediegene‚Lebenszeitstelle‘inPoitiers,dieermit25hätteeinnehmenkönnen.SeinVaterhattedies,oderetwasdieserArt,vonihmerwartet.EinhalbesJahrnachseinem„Examen,am31.März1617,warervolljährig.(WasdiesfürDescarteseinenMenschenmitunbändigemDrangnachUnabhängigkeitinallembedeutethabenmag,sollteeinseitJahrzehntenbeamteterPhilosophieprofessorunsererTagenichtauszumalenversuchen.)ErwarnuneinfreierjungerMannausbessergestelltenVerhältnissen,jedenfallsohnefinanzielleSorgen.VermutlichzurBelohnungfürdiedurchstandeneÖdeeinesJurastudiumshatteersichMittedesJahres1618einenausführlichenEuropabummelvorgenommenwasangesichtsdesbeginnendengroßenKriegeseinigeUmsichterforderte.SichvomDuftdergroßenweitenWelteinwenigumwehenlassen,bevorerinFrankreichineinedrögeAmtsadligenkarriereabsinkenwürde,warvielleichtdas,wonachihmdamalsvornehmlichderSinnstand.ErhatteeinigeszuseinerVerfügung,dasihmallerleiVergnügenverheißenmochte;unterandermwirdberichtet,erseidamalsdemGlücksspielzugetanundeintrefflicherFechtergewesen,derineinemDuellinParisseinenGegnerbiszurWehrlosigkeitniederfocht(ihnaberverschonte,derschönenAugenderDamewegen,diedenAnlaßzumKampfgegebenhatte)unddereinmalsogareineÜbermachtvonPiratenmitdemDegenzuvertreibenvermochte.DasFechtenwaroffenbareineseinerlängeranhaltendenPassionen;erverfaßteeineAbhandlungüberdieFechtkunstundtrainiertenochalsreiferManninHollandmitseinemFechtlehrer.↵DochwasistVergnügenfüreinengutgestelltenjungenManndesfrühen17.Jahrhunderts,zumaleinen,dereherneugierigundabenteuerlustigalsblasiertundvergnügungssüchtigist?SchoninHolland,demerstenZwischenhaltseinerReise,traf(sostelleichmirihngernevor:)unseretwasfeinerer,nachaußenhinselbstbewußter,innerlichnachetwasfürseinganzesLebenErstrebenswertemlechzender,jungerEdelmannausFrankreichaufdenholländischenGelehrtenIsaacBeeckman.DerwarachtJahreälter,wußteaberschonsehrwohl,wasihnseinLebenlangfaszinierenundmittiefemVergnügenerfüllenwürde:jedesernstzunehmendeProblemdererblühendenWissenschaften.DurchihngewannDescartesinwenigenintensivenMonateneinenstimulierendenEindruckdavon,welchenormeVielfaltanProblemendieinternationalnamhaftenWissenschaftlerdieserTageumtrieb.Freundschaftlichgeschahdaswohlzwischendenbeiden.DieenthusiasmierendeIntensitätdieserBegegnungwarfürDescarteslebenserschütternd.KurznachseinerWeiterreise,am23.April1619,schrieberBeeckmann,wahrlichdieseralleinhabeihnausseinemMüßiggangaufgerüttelt(ATX162).Damalsdürfteihmaufgegangensein,daßwissenschaftlicheArbeitfürihndieErfüllungdesLebensseinkönnteundinwelchaußergewöhnlichemMaßeerfürsiebegabtist.↵KaumeinhalbesJahrspäterstandfürdendann23-jährigenfest,wasermitseinemLebenwerdeanfangenwollen.IneinerNovembernachtdesJahres1619hatteerdreiTräume,dieeroffenbaralseinenSendungsauftragdeutete:ihmseiesaufgegeben,GroßesfürdieWissenschaftalsganzezuleisten.Zwarbeschäftigteersichweiterhin,alstheoretischerundalsempirischerForscher,mitDetailproblemenderGeometrie,Optik,Meteorologie,auchderMusikpsychologie,Mechanik,Anatomie,Chemie,Physiologie,jamitderKonzeptionvonGerätenzumSchleifenasphärischerLinsen,umFernrohrebishernieerreichterQualitätherstellenzukönnenunddieseListeistwahrlichnichtvollständig.AbervonnunanarbeiteteerauchanMonumental-Projekten,diewiralsaberwitzighochfahrendbelächelnmüßten,wennwirnichtSchriftenundBriefehätten,ausdenenhervorgeht,mitNatur(imbesonderenauchdesLichts),derTiere(sowiedesmenschlichenKörpers)undschließlicheinedazupassendeKonzeptionderVerstandesseelezuentwickeln.↵
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